Leipziger Klassentreffen

oder Ausgebucht

Stellen Sie sich vor, alle Einwohner von Augsburg würden nach Leipzig fahren und die Messehalle füllen. Absurd? Aber wahr, denn genau so viele Besucher hatte die Buchmesse vergangenes Jahr, 280.000.

Dass Messebauer über den Verdienstausfall fluchen, versteht man. Aber was bedeutet diese abgesagte Messe für uns Buchlinge?

Was werden der Leipziger OB, der Wirtschaftsminister aus Sachsen und der Messe-Geschäftsführer mit ihren fertigen Grußworten anstellen? Delete.

Man kann ein wenig Angst bekommen vor den Geistertagen vom 12.-15. März. Was sagen kleine Verlage, für die die Standkosten in Frankfurt schon lange und selbst in Leipzig zu hoch sind? Was machen die Messebesucher, die nicht oft genug Schmeichelstimmen deutscher Tatortsschauspieler hören können, ganz gleich was vorgelesen wird?
Unbestreitbar leidet die Bahn, die Hotellerie, und natürlich das
Gastgewerbe, denn wo Autoren und Verleger sind, wird nicht viel
geschlafen, aber gemeinsam diniert und , ja, auch gesoffen. Man redet von sechs Millionen Umsatz für die Stadt.
Alles recht und schön bzw. unschön. Wir trauern nicht um die anderweitig zu füllende Sendezeit von Titel Thesen Temperamente, Aspekte und Westart, nicht die leeren Sonderbeilagen der Tageszeitungen.
Stattdessen wollen wir uns fragen, was es für Schreiber und Leser bedeutet.
Lassen Sie es mich so sagen: Jeden Tag passiert genau so viel, dass
es in die Zeitung passt. Und Buchhändler kaufen genau so viel ein,
dass ihr Laden voll ist. (Bitte, dies gilt nicht für Onliner. Tumbe
Trader sind noch lange keine Buchhändler.)
Buchkäufer kaufen immer genau so viel, dass sie ein Geschenk haben und vielleicht noch eine Kleinigkeit für sich, einen Kaminer-Kalender oder Buchstabennudeln.
Bei der Weihnachts-Geschenksuche für Frauen wird das Buch nur von der Schokolade geschlagen. Bei den Herren, Achtung!, wird das Buch von
Schokolade und Bargeld geschlagen. Bei Kindern ist es übrigens
ähnlich. Die Wunschliste sagt „Doom Eternal, Galaxy S20 und ein Netflix-Lebenszeitabo“. Unter der biofairen Nordmanntanne liegt dann so ein… Buch.
So bedauerlich es für die Mitverdien-Branche sein mag, es wird kein einziges Buch weniger gekauft werden, leider aber mehr Mainstream und weniger Klein-Krudes.
Die Lücke im Ritualturnus von Herbstmesse – Frühjahr – Herbst… könnte sogar eine reinigende Kraft haben, wie wenn Fußballer ein Geisterspiel austragen müssen und mal nicht von diesen lästigen Fans abgelenkt werden.
Wer schreibt, der bleibt. Schriftsteller können Pause machen, Kaffee trinken, in der Pause den nächsten Kaffee zubereiten. Sonst nix. Deshalb erzeugen sie ein Werk nach dem anderen. Was soll man denn sonst im Smalltalk sagen? „Ich koch Kaffee. Daheim.“ Nein, das ist kein Beruf, schon gar keine Berufung. Das Buch lief schlecht? Nächstes kommt. „Schreib doch noch mal so was Ähnliches wie dein Debüt.“ Schlimmstenfalls macht er’s auch noch.
Müssen nächstes Jahr noch einmal 100.000 neue deutsche Bücher erscheinen?
Davon die Hälfte wissenschaftliche Pflichtveröffentlichungen, ein
paar Prozent Softcover vom Hardcover, manches scheint von einer
Maschine geschrieben.
Dennoch: Amazon verschenkt weiterhin tonnenweise E-Books, um sein saures Bier, den Kindle, zu verhökern. Was soll’s… Trotz der abgesagten Buchmesse: Niemand liest weniger, niemand kauft weniger, und eben: niemand schreibt weniger. Und wir alle stoßen am Ende auf ein verdammtes Buch, in das wir uns verlieben. Die Antwort auf die übrigen Fragen steht im Internet auf Seite 446.393.590. Links unten.

»Der Unterschied zwischen dem richtigen Wort und dem beinahe richtigen ist derselbe Unterschied wie zwischen dem Blitz und einem Glühwürmchen.«

Mark Twain